Historisches zur Entwicklung der Urologie in Deutschland

Mit der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit ist die Evolution der Heilkunde auf das engste verknüpft. Von alters her ist jede Heilbehandlung mit einem Eingriff der heilkundigen Person am Patienten verbunden.

Urologische Erkrankungen lassen sich bis weit in die Frühzeit verfolgen. Von den Hochkulturen an Indus und Nil sind uns durch Archäologie und paläomedizinische Forschung auch urologische Erkrankungsbilder, wie z. B. das Harnsteinleiden, mehrfach überliefert. Hippokrates weist besonders auf die Gefahr des Steinschnitts und die Notwendigkeit, einen Spezialisten aufzusuchen, hin. Definitionsgemäß umfaßt das Fachgebiet der Urologie die Erkennung, Behandlung, Prävention und Rehabilitation von Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen der männlichen Urogenitalorgane sowie der weiblichen Harnorgane einschließlich der Tuberkulose und Andrologie.

Von historischem Interesse sind die Steinerkrankungen, Harnröhrenstrikturen, Harnröhrenausflüsse, die Harnsperre, Hoden- und Penisaffektionen sowie Veränderungen der Urinbeschaffenheit und Flankenbeschwerden (paranephtische Abzesse).

Bis in das frühe Mittelalter fehlen, bedingt durch die Dominanz der kulturellen Einflüsse des Römischen Imperiums sowie der christlichen Religion, gesicherte Hinweise auf eine eigenständige Medizin und somit Urologie in Germanien bzw. im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation".

Die Harnschau (Uroskopie), bereits in Mesopotamien und im Ägyptischen Reich gepflegt und von Galen von Pergamon (131 - 200 n. Chr.) in das System der Humoralpathologie (die Mischung / Entmischung der Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) integriert, besaß im gesamten Mittelalter höchstes Ansehen der Fachvertreter. Das Studium des Urins (De urinis) und des Pulses (De pulsibus) war der Schlüssel zur Erforschung und Therapie aller Krankheitsursachen.

Die Matula, das Harnglas, welches noch heute im Signet unserer Fachgesellschaften (Deutsche Gesellschaft / Berufsverband / Amerikanische Urologische Gesellschaft) auftaucht, wurde zum Sinnbild des Arztes schlechthin. Sie war auch das Spiegelbild des Menschen und seiner ihm innewohnenden Krankheiten, die an Farbe, Geschmack, Bodensatz und Beschaffenheit des eingefüllten Urins abgelesen werden konnten.

Erst Paracelsus (1493 - 1541) machte die Chemie zur Grundlage des Verständnisses für die Naturvorgänge.

Als wichtiges Sujet gehört der "harnschauende Arzt" neben der "Beschneidung Christi (Circumcisio Christi)" zu den in die Kunstgeschichte eingegangenen urologischen Topoi. Die Harnschau oder Uroskopie war über Jahrhunderte die beherrschende urologische Tätigkeit. 1736 prägte Junker für die Kunst, "Das Wasser zu besehen", den Begriff Urologie.

Der Steinschnitt, von wandernden Operateuren zumeist auf öffentlichen Plätzen und Jahrmärkten kunstvoll ausgeführt ("Operation mit kleiner und großer Geräthschaft"), war neben Amputation, Abszesseröffnungen, Starstich und Hernienoperationen einer der wenigen ausführbaren Eingriffe im präantiseptischen Zeitalter.

In Deutschland ist hier besonders Johann Andreas Eisenbarth (1663 - 1727) zu nennen, dessen Name sich im Volkslied ("Ich bin der Doktor Eisenbart ...") von 1818 bis heute erhalten hat.

Berühmte Operateure gingen in ihren gedruckten Werken ausführlich nach den Möglichkeiten der Zeit auf die Urologie ein:

Caspar Strohmayer (16. Jahrhundert) Lindau 1559
Johannes Scultetus (1595 - 1645) Ulm, Armentarium Chirurgicum 1665
Lorenz Heister (1683 - 1758) Helmstedt / Altdorf

Auch die Behandlung der Harnröhrenstrikturen infolge der "chaude pisse" bei der französischen Erkrankung (Syphilis bzw. Gonorrhoe) gehört originär zu den therapeutischen Wurzeln unseres Fachgebietes und bezeugt über Jahrhunderte den subtilen Umgang mit Technik, Feininstrumentenbau und therapeutischem Bemühen, ohne äußeren Schnitt Heilung der dem Spezialisten anvertrauten Patienten zu erzielen (Endo-Urologie).

Erst die epochalen Erfolge der klinischen Medizin im 19. Jahrhundert:

  Einführung der Narkose 1844 Wells (1805 - 1848)
 Antisepsis 1867 Lister (1827 - 1912)
 Gefäßklemme 1864 Péan (1830 - 1898)
 Röntgenuntersuchung 1895 Röntgen (1845 - 1923)

und die Entwicklung der naturwissenschaftlich orientierten Denkweise in Ablösung der "Naturphilosophischen Schule" Schellings (1775 - 1854) führten auch die Urologie zu neuer Höhe.

1869 entfernte der Heidelberger Ordinarius Gustav Simon (1824 - 1876) eine Niere bei der 46 Jahre alten Margaretha Kleb - der Auftakt zu Meilensteinen in der gesamten operativen Medizin.


1879 demonstrierte Maximilian Nitze (1848 - 1906) am Lebenden das Blaseninnere mit einem von ihm entwickelten, gebrauchstüchtigen Zystoskop, Geburtsstunde der modernen Endoskopie.


Diese enge Beschäftigung mit einem abgesteckten Organsystem als funktionelle Einheit führte auf der 78. Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte im September 1906 in Stuttgart zur Gründung der "Deutschen Gesellschaft für Urologie".

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Obwohl schon 1924 nach zähem Ringen der Facharztstatus für Urologen etabliert wurde, sollte es noch bis 1953 dauern, bis in Aachen auf dem XV. Kongreß der Berufsverband Deutscher Urologen aus der Deutschen Gesellschaft für Urologie heraus gegründet werden konnte.

1970 legte ein Übereinkommen mit der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie auch die universitäre Selbständigkeit endgültig fest.

Heute wird unser Fachgebiet durch mehr als 3.000 tätige Ärzte, Krankenhausabteilungen und Lehrstühle repräsentiert.


Text: Dr. med. F. Moll

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